DJ Baufresse liest im Kaiserpavillon

JOACHIMSTHAL - Daran hätte Kaiser Wilhelm II. nicht einmal im Traum gedacht: dass der prachtvolle Pavillon, in dem sich Seine Majestät für die Jagd in der Schorfheide herausputzte, einst dem Volke geöffnet wird, damit es dort einem Literaten namens "DJ Baufresse" lauschen kann. Doch genau das wird am Freitag rund 65 Kilometer nordöstlich von Berlin-Mitte im Landkreis Barnim geschehen. Mit der Lesung des Schriftstellers Andreas Gläser, der seinem Alter Ego diesen Namen gegeben hat, wird vor den Toren des Städtchens Joachimsthal Deutschlands erster Hörspielbahnhof eröffnet. Damit zieht in eines der schönsten Stationsgebäude Brandenburgs wieder Leben ein.
Wenn es um den Kaiserpavillon geht, kommt der Potsdamer Architekt Jens Franke ins Schwärmen. "Ein faszinierendes Gebäude", sagt der 35-Jährige, der zusammen mit Tom Sehrer von der "Kulturschiene Barnim" das Konzept des Hörspielbahnhofs erarbeitet hat. Eine Menge Holz wurde verbaut, manche Schnitzerei erinnert an skandinavische Baustile. An anderen Stellen wiederum umrahmt filigranes Fachwerk hohe Fenster - wer da an englische Landsitze denkt, wie sie in Miss-Marple-Filmen vorkommen, liegt richtig. Zum einen galt damals, im ausgehenden 19. Jahrhundert, der englische Landhausstil als sehr schick. Zum anderen reiste der Kaiser oft und gern, wenn auch meist per Yacht, nach Norwegen.
Also bekam der Herrscher an der 1898 eröffneten Bahnstrecke Britz-Templin einen beeindruckenden Stilmix hingestellt. "Dort traf er per Sonderzug ein und machte sich frisch, bevor er zum Jagdschloss Hubertusstock weiterfuhr", erzählt Franke. In seinem Umkleideraum werden bis zum 10. September donnerstags, freitags und sonnabends bei freiem Eintritt Hörspiele aufgeführt - mal "Oliver Twist" von Charles Dickens oder "Der kleine Muck" von Wilhelm Hauff, aber auch Stefan Heyms Satire "König David Bericht" und sechs Kriminalhörspiele.
"Dieser Raum ist ideal: mit rund 50 Quadratmetern nicht zu groß, holzgetäfelt, mit einem hölzernen Tonnengewölbe, sonst aber wenig Ablenkung - abgesehen von einem historischen Kamin", sagt Franke. "Denn bei Hörspielen ist es wichtig, nicht abgelenkt zu werden. Nicht einmal von einer schönen Frau im Publikum." Darum gebe es im Hörspielbahnhof auch keine "quietschigen Liegewiesen" wie in Bars, sondern nur Reihenbestuhlung.
"Von vorn kommt das Wort", lautet die Devise. So ist es auch in Frankes erstem Projekt. In Federow, einem 130-Einwohner-Dorf nahe der Müritz, zeichnet der Babelsberger für die erste deutsche Hörspielkirche verantwortlich. In dem kleinen Gotteshaus, das lange ungenutzt war, sind seit dem vergangenen Jahr Schätze aus den Archiven diverser Hörfunksender und Verlage zu hören. "Aber nicht nur Kirchen, sondern auch viele Bahnhöfe drohen zu verfallen. Für sie müssen Ideen gefunden werden", so der Architekt. Und so freute sich Franke über einen Anruf aus Joachimsthal. Ließe sich so etwas wie in Federow auch im Kaiserpavillon verwirklichen?
"Uns tat es weh zu sehen, wie das Gebäude zu verfallen drohte", sagt Dirk Protzmann, damals Bürgermeister der 3 800 Einwohner zählenden Stadt und nun Amtsdirektor. "Darum entschlossen wir uns, das Gebäude von der Bahn zu kaufen."
Während viele Gemeinden kaum noch Geld für Kultur ausgeben, griff die Schorfheide-Stadt also in die Tasche, um einen kulturellen Anziehungspunkt zu schaffen. "Eine große Leistung", lobt Jens Franke. Bislang wurden 600 000 Euro verbaut - Geld, das nicht nur von der Stadt, sondern auch vom Kreis Barnim, vom Land und von der EU kam. "120 000 Euro brauchen wir noch, zum Beispiel für den Kamin", sagt Protzmann. In dem Gebäude, das der Heimatverein betreibt, werde es weitere Veranstaltungen geben. Wer stilvolle Umgebungen romantisch findet, könne dort auch heiraten.
Einen Wermutstropfen gibt es allerdings doch: Die Regionalbahnlinie Eberswalde-Templin steht auf der Streichliste des Verkehrsministeriums. Weil der Bund den Ländern weniger Zuschüsse für den Nahverkehr zahlt, droht schwach genutzten Strecken wie dieser 2007 das Aus. Noch aber können die Berliner in anderthalb Stunden vom Hauptbahnhof nach Joachimsthal reisen. Schneller war der Kaiser auch nicht.
ung auf die Jagd in der Schorfheide. Das verzierte Gebäude liegt an der Bahnstrecke Eberswalde-Templin. Bei der Umsetzung der Idee kooperierte die 3800-Einwohner-Stadt mit dem Potsdamer Architekten Jens Franke, der bereits in Mecklenburg-Vorpommern Deutschlands erste Hörspielkirche eingerichtet hat:

Berliner Zeitung vom 1. August 2006 / Brandenburg-Berlin / Seite 20