von Jörg Giese
Die Gemeinde Joachimsthal mausert sich zum künstlerischen Knotenpunkt der Schorfheide.
Jochen Senf wäre weiter gefahren. Dabei war die stolzgeschwellte Ansage des Zugführers nicht zu überhören: „Kaiserbahnhof- Erster Hörspielbahnhof Deutschlands.“ Einer der Mitreisenden drängte Senf dann noch rechtzeitig zum Ausstieg. Und so konnte die zweite Saison des Hörspielbahnhofs in Joachimsthal mit einer Lesung des Tatort-Kommissar beginnen.
Im Vergleich zur Premiere im vorigen Jahr wurde das Programm erheblich ausgebaut. Bis September werden in dem historischen Gebäude im Biosphärenreservat Schorfheide täglich zwei Hörspiele präsentiert. Der Schwerpunkt liegt auf Werken der Schauerromantik, dazu kommen Klassiker wie Fontanes „Unterm Birnbaum“, Musikprogramme und Kinder-Hörspiele. Der Hörspielbahnhof ist ein Paradebeispiel dafür, was entstehen kann, wenn eine Stadt, ihre Bürger, Fördergremien und Wirtschaft zusammenarbeiten. Den Grundstein legte Amtsdirektor Protzmann 2003 mit dem Kauf des Gebäudes. Über die Nutzung war er sich noch nicht im Klaren, aber er wollte nicht weiter zusehen, wie die Bahn den Kaiserbahnhof verfallen lässt. „Wir haben nicht viele Gebäude mit einem solchen historischen Wert“, betont Protzmann. Schließlich ist hier Kaiser Wilhelm II. ausgestiegen, um sich in Jagdkluft zu werfen und anschließend weiter zum Schloss Hubertusstock zu ziehen. Die Idee für den Hörspielbahnhof kam von Tom Sehrer, Projektleiter der Kulturschiene, einer Initiative der Wirtschafts- und Tourismus GmbH Barnim, die mit staatlichen Fördermitteln versucht, Leben in leerstehende Bahnhöfe zu bringen. Er hatte in seinem Geschäft am S-Bahnhof Griebnitzsee ein Plakat der „Hörspielkirche Federow“ in Mecklenburg-Vorpommern gesehen und überzeugte den Initiator Jens Franke, ein ähnliches Programm für den Kaiserbahnhof aufzulegen. Die Sparkasse Barnim stiftete die Audio-Anlage und der rührige Heimatverein stellt das Personal für die Vorstellungen. Mit dieser Veranstaltungsreihe hat die Stadt nicht nur ihr Kulturangebot erweitert, sondern auch die Schließung der Bahnstrecke Eberswalde - Joachimsthal abgewendet. Als letztes Jahr die Fördermittel gekürzt werden sollte, hatten Protzmann und die Vertreter der Ostdeutschen Eisenbahn GmbH (ODEG) mit dem Hörspielbahnhof ein wichtiges Argument für den Erhalt des Angebot …
Hörspielbahnhof, täglich 15 Uhr und 18 Uhr, Freitag auch 20 Uhr, bis 9. September, Kaiserbahnhof Joachimsthal, Eintritt frei.
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Märkische Oderzeitung vom 16. Juli 2007 / Kultur / Seite 8 |